Modul 04 von 11 · Academy-Übersicht
Multipath-Effekte & Signalausbreitung
Wellenausbreitung, Bodenreflexion, Fresnel-Zonen, Geisterziele und interaktive Ray-Tracing-Visualisierung.
Grundlagen der Wellenausbreitung
Bevor wir Multipath-Effekte verstehen können, müssen wir die fundamentalen Mechanismen der elektromagnetischen Wellenausbreitung kennen. In einem realen Szenario erreicht das Radarsignal das Ziel nicht nur auf dem direkten Weg – es wird reflektiert, gebrochen und absorbiert.
Free-Space Path Loss (FSPL):
Pr / Pt = (λ / (4πR))²
Die empfangene Leistung Pr nimmt quadratisch mit der Entfernung R ab. Dieser Freiraumdämpfungsfaktor beschreibt den idealen Fall ohne Hindernisse, Reflexionen oder atmosphärische Verluste. Für ein Radar mit Hin- und Rückweg gilt sogar R4-Abhängigkeit (siehe Radargleichung).
Atmosphärische Dämpfung
Zusätzlich zum geometrischen Verlust absorbieren Gasmoleküle (O2, H2O) elektromagnetische Energie. Die Dämpfung ist stark frequenzabhängig:
| Frequenz | Atmosph. Dämpfung | Regendämpfung (25 mm/h) | Anwendung |
|---|---|---|---|
| 24 GHz | ~0.1–0.2 dB/km | ~3.7 dB/km | ISM-Band, Smart Home Sensoren |
| 60 GHz | ~15 dB/km (O2-Absorption) | ~10.1 dB/km | Kurzstrecke, In-Cabin-Monitoring |
| 77 GHz | ~0.4 dB/km | ~11.4 dB/km | Automotive, Drohnendetektion |
Regendämpfung nach ITU-R P.838-3 (γ = k·Rα, horizontale Polarisation, R = 25 mm/h). Gasdämpfung nach ITU-R P.676 für Standardatmosphäre. Für Radar gilt der doppelte Wert, da die Strecke zweimal durchlaufen wird – bei 77 GHz und 500 m Zielentfernung also rund 11 dB Zweiwegverlust.
Feuchtigkeit & Nebel
Wasserdampf erhöht die Dämpfung insbesondere bei 22 GHz (Resonanzlinie von H2O). Nebel (Tröpfchen < 0.1 mm) hat bei Millimeterwellen nur geringe Auswirkung (< 1 dB/km), da die Tröpfchen im Rayleigh-Bereich liegen.
Atmosphärische Refraktion
Der Brechungsindex der Atmosphäre nimmt mit der Höhe ab (Temperatur- und Druckgradient). Dadurch krümmen sich Radarstrahlen leicht zur Erde hin. Der effektive Erdradius wird mit dem Faktor k ≈ 4/3 korrigiert: Reff = k · RErde.
Two-Ray Ground Reflection Model
Das Two-Ray-Modell ist das einfachste und wichtigste Multipath-Modell. Es berücksichtigt neben dem direkten Pfad einen am Boden reflektierten Pfad. Die Überlagerung beider Signale erzeugt ein charakteristisches Interferenzmuster.
Pfadlängendifferenz:
ΔR = 2 · ht · hr / R
Gültig für ht, hr << R (flacher Einfallswinkel). Dabei ist ht die Senderhöhe, hr die Empfänger-/Zielhöhe und R die horizontale Entfernung. Die Phasendifferenz ergibt sich zu Δφ = 2πΔR / λ.
Propagation Factor F
Der Propagation Factor beschreibt die Abweichung der Feldstärke vom Freiraumwert. Für eine perfekt leitende, ebene Erdoberfläche (Reflexionskoeffizient Γ ≈ -1) ergibt sich:
Propagation Factor:
F = 2 · sin(2π · ht · hr / (λ · R))
Die empfangene Leistung wird mit |F|² multipliziert. Bei konstruktiver Interferenz (|F| = 2) ist die Leistung 6 dB höher als im Freifeld. Bei destruktiver Interferenz (|F| = 0) entstehen Nullstellen – das Ziel verschwindet vollständig.
Lobing Pattern – Maxima
Konstruktive Interferenz tritt auf bei:
Rmax,n = 4 · ht · hr / ((2n-1) · λ)
Bei diesen Entfernungen addieren sich direkter und reflektierter Pfad phasengleich. Das Signal ist bis zu 6 dB stärker als im Freifeld.
Lobing Pattern – Nullstellen
Destruktive Interferenz tritt auf bei:
Rnull,n = 2 · ht · hr / (n · λ)
An diesen Entfernungen löschen sich die beiden Pfade destruktiv aus. Das Ziel ist trotz ausreichender RCS nicht detektierbar – ein sogenanntes „Blind Spot“.
Fresnel-Zonen & Sichtlinienanalyse
Die Fresnel-Zonen beschreiben ellipsoidförmige Bereiche um die direkte Sichtlinie (Line of Sight, LOS) zwischen Sender und Empfänger. Hindernisse, die in diese Zone eindringen, schwächen das Signal – selbst wenn die geometrische Sichtlinie frei ist.
Radius der ersten Fresnel-Zone:
r1 = √(λ · d1 · d2 / (d1 + d2))
Dabei ist d1 der Abstand vom Sender zum Querschnittspunkt und d2 der Abstand vom Querschnittspunkt zum Empfänger. Der maximale Radius liegt in der Mitte der Strecke (d1 = d2 = d/2): r1,max = √(λ · d / 4).
Praktische Freigaberegel
Für eine nahezu verlustfreie Übertragung sollten mindestens 60 % der ersten Fresnel-Zone frei von Hindernissen sein. Berührt ein Hindernis gerade die Sichtlinie, beträgt der Beugungsverlust rund 6 dB; bei vollständiger Blockierung der ersten Fresnel-Zone liegt er deutlich darüber.
| Frequenz | λ | r1,max bei d = 100 m | r1,max bei d = 500 m | 60%-Clearance |
|---|---|---|---|---|
| 24 GHz | 12.5 mm | 0.56 m | 1.25 m | 0.75 m |
| 60 GHz | 5.0 mm | 0.35 m | 0.79 m | 0.47 m |
| 77 GHz | 3.9 mm | 0.31 m | 0.70 m | 0.42 m |
Auswirkung auf das Link-Budget:
Bei der Planung eines Radar-Deployments muss die Fresnel-Zone berücksichtigt werden. Ein Sensor in 1 m Höhe, der über 200 m detektieren soll, hat in der Mitte eine Fresnel-Zone von ~0.44 m (bei 77 GHz). Geländeunebenheiten, Zäune oder niedriges Gebüsch in diesem Bereich können die Detektionsleistung signifikant reduzieren.
Geisterziel-Entstehung durch Multipath
Multipath-Reflexionen erzeugen Scheinziele (Ghost Targets), die im Entfernungsprofil als zusätzliche Peaks erscheinen. Das Radar kann nicht unterscheiden, ob ein Echo vom direkten oder einem reflektierten Pfad stammt – es interpretiert die zusätzliche Laufzeit als größere Entfernung.
Single-Bounce Ghost
Das Signal nimmt einen Umweg über eine reflektierende Fläche (Boden, Wand). Der Ghost erscheint bei der Summe der Teillängen:
Rghost = (RTx→Wand + RWand→Ziel + RZiel→Rx) / 2
Da der Umweg länger ist als der direkte Pfad, liegt das Geisterziel immer hinter dem wahren Ziel im Range-Profil.
Double-Bounce Ghost
Das Signal reflektiert zweimal: erst an einer Wand, dann am Ziel, dann wieder an der Wand. Besonders problematisch in Ecken und Korridoren:
Rghost = Rdirekt + ΔRUmweg
Double-Bounce Ghosts können eine ähnliche RCS wie das wahre Ziel haben, da der Reflexionskoeffizient von Metallflächen nahe 1 liegt.
Multi-Bounce in Indoor-Umgebungen
In geschlossenen Räumen (Büros, Flure, Lager) können mehrfache Reflexionen zwischen Wänden, Decke und Boden auftreten. Jeder Reflektionspfad erzeugt ein potenzielles Geisterziel im Range-Profil:
# Range-Profil mit Multipath-Ghosts (Simulation) import numpy as np R_true = 5.0 # Wahres Ziel bei 5 m R_wall = 3.0 # Wandabstand 3 m # Spiegelquellen-Methode: Wand als Ebene y = R_wall. # Radar bei (0,0), Ziel bei (R_true,0), Spiegelradar bei (0, 2*R_wall). d_direkt = R_true d_ueber_wand = np.sqrt(R_true**2 + (2 * R_wall)**2) # Gemessene Range = halbe Gesamtpfadlänge (Hin- + Rückweg) # Single-bounce: hin über die Wand, zurück direkt R_ghost1 = (d_ueber_wand + d_direkt) / 2 # = 6.41 m → Ghost 1.41 m hinter dem Ziel # Double-bounce: hin und zurück über die Wand R_ghost2 = d_ueber_wand # = 7.81 m # Amplitude nimmt mit jedem Bounce ab (Γ^n) print(f"Wahres Ziel: {R_true} m") print(f"Ghost 1 (single-bounce): {R_ghost1:.1f} m") print(f"Ghost 2 (double-bounce): {R_ghost2:.1f} m")
Erkennungsmerkmal von Geisterzielen:
Ghosts haben typischerweise eine niedrigere Amplitude als das wahre Ziel, da bei jeder Reflexion Energie verloren geht (|Γ| < 1 für nicht-perfekte Leiter). Außerdem bewegen sich Ghosts inkonsistent – ihre scheinbare Geschwindigkeit hängt von der Geometrie des Reflektionspfads ab, nicht von der wahren Zielkinematik.
Mitigationsstrategien
Die Unterdrückung von Multipath-Artefakten ist entscheidend für zuverlässige Radarsysteme. Es gibt Ansätze auf verschiedenen Ebenen: Antennendesign, Signalverarbeitung, Tracking und maschinelles Lernen.
Antennendesign
Schmale Keulenbreite reduziert die Beleuchtung reflektierender Flächen. Niedrige Nebenkeulen (Sidelobe Level < -20 dB) verringern die Energieaufnahme aus Multipath-Richtungen. Beamforming ermöglicht räumliche Filterung.
Detektionsschwelle (CFAR)
Ghost Targets haben oft ein niedrigeres SNR als das wahre Ziel und liegen dann unterhalb der Schwelle. Das ist allerdings ein Nebeneffekt, kein Mechanismus: CFAR hält die Falschalarmrate gegenüber schwankendem Störpegel konstant und unterscheidet nicht zwischen echtem Ziel und Ghost. Ein Ghost mit ausreichendem SNR wird detektiert wie jedes andere Ziel – die eigentliche Unterdrückung leisten Clutter Map, Trackplausibilisierung und Geometriewissen.
Track-Level Filterung
Im Kalman-Tracker zeigen Geisterziele inkonsistente Kinematik: unrealistische Beschleunigungen, plötzliche Sprünge oder unphysikalische Geschwindigkeiten. Als Maß dient die normalisierte Innovation (NIS) bzw. die Mahalanobis-Distanz νTS-1ν, also die an der erwarteten Unsicherheit S gemessene Abweichung – nicht S selbst, das lediglich die modellierte Unsicherheit beschreibt.
Clutter Map Subtraction
Bei stationären Radarsystemen kann eine „leere“ Referenzmessung der Umgebung aufgenommen werden. Stationäre Multipath-Echos (Wände, Boden) werden durch Subtraktion entfernt. Nur bewegliche Ziele bleiben übrig. Vorteil: Einfach und effektiv. Nachteil: Funktioniert nur bei stationären Reflektoren.
Machine Learning
CNNs und CRNNs können auf Range-Doppler-Maps trainiert werden, um Ghost-Muster zu erkennen. Das Netzwerk lernt die typischen Signaturen: Ghosts erscheinen bei vorhersagbaren Offsets relativ zum wahren Ziel und haben korrelierte Doppler-Verschiebungen. Transfer Learning von simulierten auf reale Daten ist vielversprechend.
Multipath-Ausnutzung (NLOS-Radar):
Ein aktueller Forschungstrend ist die Nutzung von Multipath statt dessen Unterdrückung. Durch Analyse der Reflektionspfade kann ein Radar Ziele „um die Ecke“ detektieren (Non-Line-of-Sight, NLOS). Dazu wird die bekannte Raumgeometrie genutzt, um Reflektionspfade zu rekonstruieren und Ghost-Positionen auf wahre Positionen zurückzurechnen.
Indoor vs. Outdoor Multipath
Die Multipath-Charakteristik unterscheidet sich fundamental zwischen Innen- und Außenbereichen. Dies hat direkte Auswirkungen auf die Systemauslegung und Signalverarbeitung.
Indoor-Umgebung
Wände, Decke, Boden und Möbel erzeugen zahlreiche Reflektionspfade. Die Signalenergie bleibt im Raum „gefangen“ – ähnlich dem Nachhall in der Akustik.
Reverberationszeit τrev = typisch 50–200 ns
• Viele Reflektionspfade (10–50+ Echos)
• Kurze Pfadunterschiede (0.1–10 m)
• Hohe Reflexionskoeffizienten (Beton: |Γ| ≈ 0.4 bei Normaleinfall, deutlich höher bei streifendem Einfall; Metall: |Γ| ≈ 0.95)
• Anwendung: Smart Home, Vitalzeichenmonitoring, Raumpräsenz
Outdoor-Umgebung
Im Freien dominiert die Bodenreflexion. Gebäude und Geländestrukturen können weitere Reflexionen verursachen, jedoch mit deutlich längeren Pfaden.
Hauptreflexion: Boden (Two-Ray Model)
• Wenige dominante Reflektionspfade (1–5)
• Bodenreflexion oft dominant (|Γ| je nach Bodenbeschaffenheit)
• Große Pfadunterschiede möglich (10–1000 m)
• Anwendung: Drohnendetektion, Perimeterschutz, Verkehrsüberwachung
| Eigenschaft | Indoor | Outdoor |
|---|---|---|
| Anzahl Reflektionspfade | Hoch (10–50+) | Niedrig (1–5) |
| Dominanter Mechanismus | Wandreflexionen, Mehrfachreflexionen | Bodenreflexion (Two-Ray) |
| Ghost-Target Problematik | Hoch | Mittel |
| Mitigation | Clutter Map, ML-basiert | Antennenhöhe, Beamforming |
| Reverberationszeit | 50–200 ns | < 10 ns |
Praxisbeispiel – Smart Home (60 GHz):
Ein 60-GHz-Präsenzsensor in einem 4×5 m Raum empfängt neben dem direkten Echo einer Person (≈ 3 m) auch Reflexionen von der Rückwand (6 m), der Seitenwand (4.5 m), der Decke (4.2 m) und einem Metallschrank (5.8 m). Ohne Clutter Map erscheinen diese stationären Wand- und Deckenechos als zusätzliche Ziele – genau genommen reales Clutter, nicht Geisterziele im Sinne der Mehrwegeausbreitung. Mit Background Subtraction und CFAR bleiben nur die sich bewegenden echten Ziele übrig.
Ray-Tracing Visualisierung
Erkunde das Two-Ray-Modell interaktiv: Ändere Antennenhöhe, Zielhöhe und Frequenz, um die Bodenreflexion, Geisterzielpositionen und den Propagation Factor zu visualisieren.
Berechnete Werte:
Pfaddifferenz: 0.478 m
Ghost Range: 50.5 m
|F|²: 1.4 dB
Gerechnet auf eine feste Referenzentfernung von 50 m: Simulationsparameter – keine nachgewiesene Ozense-Reichweite.Propagation Factor |F|² vs. Entfernung:
Einordnung und Grenzen
Dieses Modul erklärt ein Verfahren, das in der Ozense-Verarbeitungskette tatsächlich eingesetzt wird. Es beschreibt die Methode und ihre Grenzen – nicht die gemessene Leistung des Systems. Die dargestellten Visualisierungen werden im Browser simuliert und sind kein Feldleistungsnachweis.
Wie die Verfahren bei Ozense zusammenwirken: Technologie. Was heute tatsächlich gemessen ist: Validierung und Entwicklungsstand.
Ozense · zuletzt geprüft am 13. August 2026
